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Die Forscher
Lieber Erwin, Verzeihe mir, dass meine Schrift etwas zitterig erscheint, aber ich muss das heutig Erlebte niederschreiben, solange es mir frisch im Gedächtnis haftet, also schreibe ich während der Fahrt im Autobus auf einem holperigen afrikanischen Staubweg. Stell Dir vor: Ich bin einer von den wenigen Europäern, die ein afrikanisches Eingeborenendorf besucht haben, dessen Bewohner zuvor nie mit der Zivilisation in Berührung gekommen sind! Und wenn ich sage 'wenigen', meine ich damit mich und noch einundzwanzig andere Forscher, welche alle durch einen glü cklichen Zufall diese einmalige, einzigartige Gelegenheit hatten. Das kam so: Meine Freunde und ich trafen im Hotel einen Reiseagenten, namens Burnman, und dieser berichtete uns, dass ein Bekannter von ihm in seinem Privatflugzeug irrtümlicherweise eine Gegend überflogen hatte, welche außerhalb aller Flugrouten liegt. Dabei hatte er dieses Dorf entdeckt, welches auf keiner Karte vermerkt ist und nach weiteren Erkundungen auch bei Regierungsämtern vollkommen unbekannt war. Er hatte seine genaue Position auf einer Karte vermerkt und nun hatte die Reisegesellschaft dieses Herrn Burnman ein einmaliges Programm anzubieten: Eine Forschungsreise für solche, die einmal etwas außerhalb der Routineausflüge unternehmen wollten. Natürlich wären die Preise der besonderen Natur des Unternehmen wegens bedeutend höher als bei gewöhnlichen Ausflügen, aber wer würde in unserem Jahrhundert ausser uns noch mit solch einem Abenteuer prahlen können! Ausserdem hätten wir das Recht, uns nicht Reise- sondern Forschergruppe zu nennen! Und glaube mir, ich habe keinem Pfennig nachgeweint, obwohl es teuer genug war, dass ich meine Reise verkürzen und früher heimkehren muss. Aber nach diesem Erlebnis wäre sowieso jeder andere Ausflug nur noch ein eindrucksloses Nachspiel. Dem Agenten fiel es nicht schwer, weitere einundzwanzig begeisterte Mitreisende (einen Bus voll) aufzutreiben, im Gegenteil, er suchte sich unter den vielen Interessierten die Kandidaten selber aus, tat es sehr im Geheimen und bat uns mit niemanden darüber zu reden, da er eine Gruppe aufstellen wollte, welche nur aus hochintellektuellem Forschermaterial bestehen sollte. Wir bestiegen den Bus heute morgen sehr früh. Der Agent stellte uns Mr. Whiteridge, den Chef-Forscher, welcher uns in das Gebiet führen würde, vor. Ausserdem begleitete uns auch ein Eingeborener namens Kimani, von welchem man erhoffte, dass er sich mit den Dortigen in irgendeiner der Dialekte verständigen könne und erwartungsvoll und gespannt begaben wir uns auf die Reise ins Unbekannte. Nach einer Stunde Fahrt bog der Bus von der Autostrasse auf eine Landstrasse ab, welche nach längerer Fahrt in einen holperigen Staubweg mündete. Schliesslich mussten wir aussteigen und zu Fuss weitergehen. Abwechselnd trugen wir Bretter, die wie uns Herr Whiteridge erklärte, bei eventuellen Hindernissen eine große Hilfe sein würden. Dann kam der beschwerliche Teil: Eine Stunde mussten wir uns durch Dickicht kämpfen. Zum Glück war es nur an wenigen Stellen so dicht, dass wir die mitgebrachten Bretter darüberzulegen und auf diese Weise das Hindernis kriechend zu überqueren hatten. Aber schließlich standen wir vor dem Dorf. Jedenfalls konnten wir es klar hinter den Büschen, vor welchen wir klopfenden Herzens standen, sehen. Unser Chef-Forscher schlug vor, dass er und Kimani als erste das Dickicht durchbrechen würden, um die Stimmung der Einwohner zu erkundigen. Sollte es zu Feindseligkeitem kommen, hätten wir sofort den Rückzug anzutreten. Es wurde mir nun doch etwas schwummelig. Als ich einen Blick auf meine Mitforscher warf, schienen auch deren Gesichter blass zu sein. Unser Chef atmete einmal tief ein, straffte die Schultern, durchbrach das Dickicht und stand zusammen mit seinem Begleiter mit erhobenen Händen auf der anderen Seite. Ich sah, wie einige Frauen überrascht auf ihn blickten, mit den Fingern auf ihn wiesen und etwas nach hinten zu rufen schienen. Ein paar Krieger mit Speeren kamen angelaufen, blieben momentan erstarrt stehen, hoben zu unserem Entsetzen die Speere und warfen - sich in demütiger Haltung zu Boden. Auch die, welche nach ihnen angerannt kamen, so wie alle Frauen und Kinder, ahmten ihnen nach. Es war wie zu der Zeit, da Columbus Amerika erreichte und die Eingeborenen ihn für einen weissen Gott hielten. Der Chef-Forscher gab uns ein Zeichen und wir hatten natürlich nun den Mut, uns zu ihm zu gesellen. Zusammen schritten wir auf die niedergestreckten Gestalten zu. Unser Dolmetscher versuchte mehrere Male sie anzureden, aber sie blieben wie versteinert liegen. Da kam aus einer der Hütten eine imposante Figur gekleidet mit einem Leopardenfell; aus seinen Haaren ragten große Knochen. Ganz sichtlich war dieses der Häuptling. Er hob die rechte Hand und sprach etwas in feierlichem Tone. Kimani erklärte uns freudig, daß dies sehr ähnlich dem 'Tonga' Dialekt klinge, eine Sprache, in welcher er ziemlich gut zurechtkäme. Unser Chef gebot ihm, dem Häuptling mitzuteilen, dass wir in friedlicher Absicht kämen. Ich vernahm Worte wie 'Gilla bulla bulla' und so ähnliches. Und schliesslich erklärte uns der Dolmetscher, Häuptling 'Bula Gadula' sei von dem großen Pentu vor langer Zeit mitgeteilt worden war, dass eines Tages wir, seine Abgesandten bei ihm erscheinen würden. Ich werde Dir bei meiner Heimkunft noch Genaues berichten, über das Festmahl, die phantastischen Tänze, bei denen die Tanzenden eine Körperbeherrschung darbieten, welche von Weissen nie erreicht werden kann, die minimale Kleidung, welche bei den Frauen und Mädchen besonders reizvoll wirkte, das Erstaunen der Dorfbewohner, über alles, was wir ihnen aus der Zivilisation vorzeigen konnten! Ich zeigte ihnen mein Handy und verband mich mit der Reiseagentur. Als der Häuptling die Stimme aus dem Hörer vernahm, ging er in die Kniee, da er sicher war, daß dieses die Stimme des 'grossen Pentus' war. Die übrigen Eingeborenen wagten sich nicht daran. Ich zog mein Feuerzeug hervor und sie waren verblüfft über meine Fähigkeit, 'Feuer aus der Hand' zu machen, wie Kimani mir übersetzte. Schliesslich zeigte man uns den Temple des 'Großen Pentus', der mit vielen Seilen und Balken verriegelt war, und sosehr wir baten, das Innere sehen zu dürfen, war dies etwas, bei dem sie fest in ihrer Verweigerung blieben. Häuptling Bula Gadula erklärte uns mit Hilfe des Dolmetschers, dass, wenn er einen Fremden diesen heiligen Raum betreten ließe, es das Ende für das Dorf bedeute. Der Chef erklärte, man müsse diesen Glauben respektieren. An einer anderen Stelle kamen wir an ein hohes Bambusgeflecht. Es war mindestens fünf Meter hoch und zu seinen beiden Seiten stand eine Art hoher Wall, der tief in den Wald hineinzuführen schien und aus vielerlei Geflecht bestand, so angefertigt, daß man wohl nicht einmal mit Hilfe eines Bulldozers durchdringen konnte. Der Häuptling erklärte uns, dass wenn das Ende käme, dieses Bambustor sich öffnen und das Dorf 'heimfahren' würde.
Welche wunderschöne einfache Philosophie! Warum gibt es bei uns nicht etwas
Ähnliches! Stelle dir vor, es gäbe irgendwo ein grosses verschlossenes
Tor, von dem wir wüssten, dass wir durch dieses eines Tages 'heimfahren'
werden, anstatt allen diesen furchterregenden Drohungen vom Fegefeuer und
Prophezeiungen von der Apokalypse, furchtbaren Reitersmännern, Gog und Magog und der
Teufel weiss, was alles. Alle fahren einfach 'nach Hause', unwichtig ob
Sünder oder Heiliger, unwichtig, Angehöriger welcher Religion, von denen jede ja
predigt, dass nur sie das Heil bringt, was uns noch unsicherer macht. Diese
primitiven Eingeborenen, welche heute das erste Mal mit der 'Zivilisation'
zusammenkamen, könnten uns lehren, die Angst und Ungewissheit vor dem Tod zu
verlieren!
* * *
Häuptling Bula Galula betrat das Allerheiligste. Er schaltete den Pentium Computer an und studierte seine e-mail. 'Das war die letzte Gruppe diese Woche', verkündete er, 'wir treffen uns wieder nächsten Montag um zehn Uhr vormittags. Übrigens William, das nächste Mal, wenn du dir den Zeh anstößsst und wieder 'verdammt' anstatt 'upa upaje’ schreist, bist du nicht mehr dabei! Glück, dass das keiner gehört hat!' Wieder war ein amüsanter und eintragsreicher Tag zu Ende. Die Angestellten unterhielten sich noch eine Weile,während sie sich umkleideten, belustigt über die Naivität der Weissen. Einer zog sein Handy aus seiner Hosentasche und rief mit verblüffter Stimme 'höret des Gottes Stimme', was grosse Heiterkeit hervorrief. Schließlich begaben sich alle zum Bambusgeflecht; der Häuptling, welcher im Zivilleben John Morgan hieß, drückte auf einen Schalter, das Bambustor glitt beiseite, sie bestiegen ihre dahinter geparkten Wagen und auf der Landstrasse, welche hinter dem Tor vorbeiführte, fuhren sie heim. Geschickt von Andreas |
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